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Seit mittlerweile mehr als 15 Jahren beschäftige ich mich mit dem Hobby der Fotografie. Angefangen hat das alles tatsächlich mit den fotografischen Werken eines damaligen Freundes, der sich bereits vor mir mit dem Thema Urban Exploration aktiv und kreativ befasste. Ich war sehr schnell Feuer und Flamme und kaufte mir alsbald meine erste Kamera. Was ist es, was die Faszination von Lost Places ausmacht? Meine Hobbykollegen vom Mainzer Fotoclub gaben mir vor einigen Wochen die Gelegenheit, meine Motivation dahinter und auch einige der daraus entstandenen Resultate dem Club vorzustellen, und nun freue ich mich, dass ich dies auch hiermit auf der Vereinswebsite präsentieren darf. Allerdings muss ich zugeben, dass ich das gar nicht so in drei bis vier Worten ausdrücken kann, da die ganze Sache beim genaueren Hinsehen doch recht vielschichtig ist.

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Zunächst ist zu erwähnen, dass es mittlerweile eine kleine aber feine Gemeinschaft Gleichgesinnter gibt, die sich mit auf Neudeutsch Urban Exploring intensiver auseinandersetzen. Der überwiegende Teil dieser Entdecker dokumentiert die besuchten Örtlichkeiten fotografisch bzw. mittlerweile mehr und mehr auch videografisch und veröffentlicht diese oftmals im Internet entweder auf eigenen Websites, Blogs oder in Fotocommunities. Es gibt dabei kaum eine Differenzierung zwischen den Geschlechtern, Männlein und Weiblein scheinen gleichermaßen vertreten zu sein. Meistens werden die Lokalitäten wie geheime Schätze gehütet, und Informationen über die genaue geografische Position und Möglichkeiten, in die oftmals verschlossenen Anlagen hereinzukommen, sind oft nur nach Aufbau eines Vertrauensverhältnisses untereinander zu bekommen oder natürlich auch durch eigene Recherchen.

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Wie oben schon angedeutet, seit ich die ersten Fotografien von verlassenen und aufgegebenen Industrieanlagen, Krankenhäusern, Bunkern etc. bewusst wahrgenommen habe, war ich ziemlich schnell gefangen in meiner Faszination.

Seitdem habe ich viele (aber nie genug) solcher modernen Ruinen besucht, ausgekundschaftet und fotografiert. Wenn ich neuen Freunden und Bekannten von diesem Hobby erzähle, rümpfen viele, die damit noch nie zu tun hatten, erst mal die Nase. Was findest Du denn an diesen Schrotthaufen? Wenn ich Ihnen dann ein paar Resultate meiner Entdeckungsreisen in Form von Fotos zeige, wird oft aus Verwunderung sogar Bewunderung, und sie beginnen zu begreifen, was mich so fasziniert. Was ist es also, was die Sache so spannend macht?

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Das, was sich insbesondere beim Betrachten von entsprechenden Fotografien offenbart, ist zunächst der scheinbare Gegensatz von Zerfall und Schönheit, der sich jedoch schnell auflöst und zu einer bizarren Kunstform verschmilzt. Viele Explorer, die ich kenne, sind in der Tat gute und talentierte Fotografen, die es verstehen, genau diese Antipoden geschickt einzufangen, darzustellen und zu betonen.

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Aber die Sache geht denke ich weitaus tiefer. Da ist zum einen die Entdeckerlust, die tief in jedem Menschen drinsteckt, aber nur selten in der allzu gesättigten Gesellschaft nach außen dringt, wenn man mal die unbeschwerten Zeiten der Jugend und Reife hinter sich gelassen hat. Hinzu kommt der Thrill, etwas Verbotenes und potentiell auch Gefährliches zu tun, da die Örtlichkeiten oftmals in Privatbesitz sind und konsequenterweise auch manchmal vom Einsturz bedroht sind. (Ich für meinen Teil bevorzuge allerdings meine Entdeckungsreisen mit der Erlaubnis der Besitzer oder Verwalter anzutreten, das klappt allerdings leider nur allzu selten). Tatsächlich hat es auch schon den einen oder anderen fatalen Unfall gegeben. Es ist also definitiv Vorsicht geboten, und manche Schritte sollten wohlüberlegt sein.
Eine Gefahr ganz anderer Art ist dann natürlich dann auch noch die liebe Staatsgewalt, die zuweilen das unerlaubte Betreten der Gelände ahndet, sofern man erwischt wird. Auch ich habe schon eine solche unangenehme Erfahrung gemacht, Details hierzu spare ich mir allerdings an dieser Stelle.

2020_Bericht_Lost_Places_Roman_Hirsch_31_bunker_crossroadsEine ehemals von Menschen benutzte, nun aber komplett verlassene Stätte, ist beizeiten fast so wie ein lebensechtes Videospiel, bei dem man durch Gänge und Räume streunt, um nach einem noch unbekannten Etwas zu suchen, ein vergessenes Relikt, das nächste Motiv. In der Tat ist es extrem spannend, sich auf den Spuren früherer menschlicher Aktivitäten und Aufgaben zu bewegen, und dabei auf aufgegebene Ausrüstung und Maschinen oder auch Trivialitäten - die kleinen Details, wie zurückgelassene Schuhe, Bücher usw., zu stoßen. Dabei entfaltet sich Geschichte im Kleinen, dafür aber live und in Farbe (sofern denn genug Licht vorhanden ist ;-).
Urban Explorers konservieren somit mit Ihren Fotos oftmals Vergangenheit, dokumentieren den Zerfallsprozess und hinterlassen manchmal die letzten Beweise ehemaliger Strukturen. In der Tat werden viele der alten Gebäude früher oder später abgerissen, wenn sie nicht in Museen verwandelt oder anderweitig wieder restauriert werden, was allerdings nur in den seltensten Fällen passiert. Allerdings gibt es neben Verwitterung und Abrissbirne leider auch noch andere destruktive Kräfte wie stupider Vandalismus.

Dies alles sind wichtige Faktoren in der Gleichung, doch das Hauptmotiv hinter Urban Exploring, zumindest für mich, ist, denke ich, tatsächlich ein Romantisches. Der Drang zum Obskuren, die Flucht vor Rationalität, das Bewusstmachen von Vergänglichkeit (nebenbei bemerkt: ich fotografiere auch sehr gerne auf Friedhöfen ;-) , sind klassisch romantische Themen.2020_Bericht_Lost_Places_Roman_Hirsch_16_piano_ghost

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Diese romantischen Eindrücke sind trotz des Stigmas des Verfalls und Maroden auch der breiten Masse eingängig, so dass tatsächlich beispielsweise verlassene Industrieanlagen mehr und mehr auch als Kulissen für Modefotografie, Kinofilme, Plattencover etc. dienen.

Ich gebe es zu, ich bin ein hoffnungsloser Romantiker, und ich wage die These, dass wir das alle irgendwo sind, nur die Arten, diese Gedanken und Gefühle auszuleben und auszudrücken, unterscheiden sich.

In diesem Sinne hoffe ich, dass ich Euch die Faszination Urban Exploring etwas näherbringen konnte.

 

Wenn Ihr mehr Resultate meiner Exkursionen sehen wollt, könnt Ihr das gerne bei www.anshitsu.eu oder unter dem Flickr Profil Trakylos tun.
Fairerweise möchte ich aber auch auf die Websites einiger meiner Freunde hinweisen, die wirklich exzellente Fotos geschaffen haben:


•    www.seinberg.net
•    www.mlambrosphotography.com/abandoned-hospital-photography
•    http://afterthefinalcurtain.net/
•    www.abandonedamerica.us

 

 

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